Unbemerkt hinein ...

Unbemerkt hinein in die mediale Abhängigkeit

"Weimarer Kultur-Express" regte mit seinem Stück "ONLINE" zum Nachdenken an

[13.11.2018] Zu Beginn war Jule ein nettes Mädchen, das die gemeinsamen Abende mit ihrer Mutter genauso genoss wie die Treffen mit ihrer besten Freundin Elli und die Probenachmittage ihrer Band. Am Ende musste sich die inzwischen hochaggressive und einsame Pubertierende selbst eingestehen, dass sie ohne Therapie verloren ist. Die „einzige“ Ursache: Ein Smartphone und ein verantwortungsloser Umgang damit.

In ihrem Stück "ONLINE" von Katrin Heinke zeigten die Schauspielerinnen des "Weimarer Kultur-Express“ den Schülerinnen und Schülern der Karl-Trunzer-Schule auf ganz authentische Art und Weise den viel zu leichten Weg in die mediale Abhängigkeit - mit sämtlichen Konsequenzen.

Interessiert und angespannt beobachteten die Kinder und Jugendlichen im "Wimpinasaal-Theater“, wie sich die fröhliche und aufgeweckte Jule (Sonja Elisabeth Martens) immer mehr hinter ihrem Handy verschanzt, sich auf Kontakte mit wildfremden Menschen verlässt, in Kosten- und Datenfallen tappt, die Schwerpunkte ihres Lebens verschiebt und Schritt für Schritt ihre Verhaltensweisen und Charakterzüge verändert, bis sie am Ende ihre Persönlichkeit, schließlich sich selbst verliert. Während bei ihrer Mutter spätestens durch einen Brief aus der Schule und einen Ausraster ihrer Tochter die Alarmglocken schrillen, macht sich ihre beste Freundin Elli Sorgen, weil für Jule selbst die heiß geliebte Band keine Rolle mehr spielt. Beide Rollen wurde von Michaela Beer hervorragend verkörpert.

Der Dauerzugriff auf Spiele- und Netzwerkportale und das Immer-Online-Sein werden für die 13-Jährige nicht nur eine neue Lebensempfindung, sondern kicken sie auch stückchenweise raus aus der realen Welt - der Welt der Mutter, der Angehörigen und Freunde sowie der Hobbys. Im Internet fühlt sie sich rundum wichtig und im Mittelpunkt - auch wenn es manchmal sehr peinlich anmutet, wie sie sich zur Schau stellt. Leider scheint ihr Gefühl dafür zu schwinden… Schule und häusliche Pflichten verlieren „auf dem Weg nach unten“ genauso an Wert wie das Kümmern um sich selbst. Sodass am Ende - wenn überhaupt - nur noch eine professionelle Therapie hilft, sich diesem Strudel zu entziehen.

Mit ihrer authentischen Inszenierung über Onlinesucht richtet sich der "Weimarer Kultur-Express“ gegen die Gefahr von Social-Media-Sucht und möchte zum bewussteren Umgang mit den digitalen Medien anregen. Das gelte nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene, deren erster und letzter Blick des Tages manchmal nicht mehr den liebsten Angehörigen, sondern dem Smartphone gehört; und die oft selbst nicht mehr wissen, wie hochgradig unhöflich und unsozial die Nutzung eines Handys beispielsweise beim gemeinsamen Essen mit der Familie oder bei Gesprächen mit Freunden sei.

Gerade weil Smartphone, Tablet und Co. elementare Lebensbestandteile geworden sind, sei ein Grundlagenwissen über die Suchtproblematik, die Datenprobleme, Urheber- und Persönlichkeitsrechte, ethische Werte usw. für einen verantwortungsvollen Umgang unerlässlich. "Natürlich will man nicht einsehen, dass dies alles riesige Probleme mit sich bringen kann“, sprachen die beiden Schauspielerinnen im sich anschließenden Gespräch das aus, was vermutlich ein Großteil des Publikums dachte. Aber weiterzudenken lohnt ... Ausgehend von einer Umfrage, wie die Schüler selbst ihre Handynutzung einordnen, sprachen sie mit den Mädchen und Jungen über die Symptome einer Sucht, den Verlust von echten Freundschaften und wichtigen Hobbys und die Gefahren, die die Weitergabe von Handynummern und die Selbstdarstellung im Internet mit sich bringen. "Was erhofft ihr euch denn davon, alles zu posten?“, "Ist es nicht eher bedenklich, diese Art von Aufmerksamkeit zu brauchen?“, "Wie weit geht ihr? Welche Fotos stellt ihr denn online?“, "Welche Einschränkungen habt ihr vorgenommen?“ An manchen Blicken war zu sehen, dass diese Fragen sehr wohl zum Nachdenken anregten.

"Es ist nicht immer nett, wenn sich jemand für dich interessiert“, leiteten sie zur Gefahr von Internetbekanntschaften über, die nicht selten von Fake-Accounts angezettelt werden und nichts Gutes im Schilde führen; leider aber immer wieder erfolgreich sind. Und so ergaben sich im Laufe des Gesprächs immer mehr Problematiken, die einfach erst geklärt sein müssen, bevor Kinder und Jugendliche Zugriff auf Smartphone und andere digitale Medien haben. Am Ende war den beiden Damen eines wichtig: Es gibt viele viele sinnvolle Alternativen zu Bildschirmen ... bei denen man danach das Gefühl hat, auch wirklich etwas getan zu haben.

Text u. Fotos: I. Waldherr, KTS

Theateraufführung "ONLINE"