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Presseberichte "Soziale Kompetenz"

Die Fränkischen Nachrichten berichten:
"Soziale Kompetenz als Unterrichtsfach"
Konzept angewendet, das Mobbing verhindern soll / Lehrer wurden im Vorfeld gezielt geschult
Die Schüler sollen sich im Klassenverband wohl fühlen. Der Aufbau sozialer Kompetenz soll helfen, Konflikte zu verhindern.                                                                                                                    Bild: KTS Buchen

[22.02.2014] Manchen Jugendlichen fällt es schwer, morgens aufzustehen und in die Schule zu gehen. Der Lernstoff ist oft hart und der Leistungsdruck groß. Wenn es dann auch noch zu Konflikten mit anderen Schülern kommt, die im schlimmsten Fall in Ausgrenzungen, Schikanen oder gar Gewalt gipfeln, wird der Schulbesuch schnell zum Spießrutenlauf. Das kann auch den Lernerfolg beeinträchtigen. Und: "Streit gibt es überall, wo Menschen über einen längeren Zeitraum zusammen sind", sagt Walter Scheuermann, Rektor der Karl-Trunzer-Schule.

 

Der Schultag dauert an der Werkrealschule bis zu acht Stunden und bietet daher viel mehr Zeit für Spannungen, als jener an Halbtagsschulen. Aus diesem Grund sei schon bei der Einführung des Ganztagskonzepts vor fünf Jahren klar gewesen, dass die soziale Kompetenz von Lehrern und Schülern gefördert werden müsse. Sonst, ist Scheuermann überzeugt, hielte manches Kind einen so langen Schultag nicht durch.

 

Kritik von Lehrerverbänden

Vertreter der Lehrer-Gewerkschaften VBE und GEW kritisierten jüngst, dass die eng gestrickten Stundenpläne Lehrern und Schülern kaum Zeit ließen, sich mit der Konfliktbewältigung auseinanderzusetzen.

 

In diesem Fall kann der lange Schultag in der Karl-Trunzer-Schule zum Vorteil werden. Einmal pro Woche ist eine Schulstunde für den "Klassenrat" reserviert, in dem die Schüler über ihre Konflikte sprechen. Im Kampf gegen Mobbing sei Prävention angesagt, betont Scheuermann.

 

Die Klassenlehrer moderieren zwar die Stunden. Ziel sei es jedoch, dass sie sich im Hintergrund halten und den Jugendlichen Freiräume lassen. "Die Schüler sollen Verantwortung übernehmen", erläutert der Schulleiter, "so können sie demokratisches Handeln lernen und erfahren."

 

Durch den Austausch im Klassenrat würden sie zudem lernen, sich in andere Schüler hineinzuversetzen. Dies sei eine Grundlage zur Stärkung der sozialen Kompetenz und könne im Idealfall verhindern, dass es überhaupt erst zu Mobbing komme. Konflikte dieser Art seien stark zurückgedrängt worden und das Lernklima habe sich gegenüber den Anfangsjahren der Ganztagsschule stark gebessert.

 

Mit der Schulung der sozialen Kompetenz mussten die Lehrer bei sich selbst anfangen. Bereits 2010 absolvierten sie mit 15 Lehrern aus der Region die Schulung "Strategien gegen Mobbing".

 

Gewaltfreie Kommunikation

2012/2013 fand die Fortbildung "Gewaltfreie Kommunikation" statt, die allen Lehrkräften der Schule angeboten wurde. Außerdem beteiligt sich die Schule seit kurzem am landesweiten Präventionskonzept "Stark.Stärker.WIR.", dessen Ziel es ist, in Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Kooperationspartnern, Missstände wie Sucht, Gewalt und ungesunde Ernährung unter Schülern zu bekämpfen. Auch hier geht es mehr darum, vorzubeugen als zu reagieren.

 

"Empathie ist ein wichtiger Bestandteil", erklärte Ines Waldherr, Leiterin einer der fünften Klasse, im Gespräch mit den FN, "Ich als Lehrerin muss ein Gefühl dafür bekommen, was in einem Mobbing-Opfer vorgeht. Die Schüler müssen das auch lernen."

 

In Seminaren und Rollenspielen lernten Waldherr und ihre Kollegen, wann sie wie eingreifen müssen. Klassenlehrerinnen wie Waldherr sehen Schüler 19 Stunden pro Woche. Auf diese Weise hat sich ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern entwickelt.

 

Im Alltag der Karl-Trunzer-Schule vermeiden die Lehrer den Begriff "Mobbing". Wichtig sei eine positive Grundeinstellung in der Klassengemeinschaft, wie Waldherr erläutert. Auch aus diesem Grund wird im Klassenrat zuerst die "Positive Runde" durchgeführt, bevor die Konflikte zur Sprache gebracht werden.

 

Ein weiteres Beispiel: In jeder Klasse wird ein sogenannter "Wohlfühltag" durchgeführt, bei dem neben den Klassenlehrern auch Schulsozialarbeiterin Corona Fertig anwesend ist. Hier werden Grundregeln für das Zusammenleben in der Klasse erarbeitet - mit dem Ziel, dass sich die Schüler in den Klassengemeinschaften wohlfühlen. Sie erstellen eine Art Menschenrechtscharta, die immer wieder in der Praxis auf Konflikte angewendet wird.

 

Schulsozialarbeiterin Corona Fertig bietet Sprechstunden an und unterstützt Schüler und Lehrer bei den ersten Klassenratssitzungen. Schulsozialarbeiter helfen auch an der Abt-Bessel-Realschule, dem Burghardt-Gymnasium und an der Meister-Eckehart-Förderschule. Sie werden von der Stadt Buchen mitfinanziert.

 

"Die Stadt Buchen ist als Träger an einer guten Entwicklung in den Schulen interessiert", gab Bürgermeister Roland Burger den FN auf Nachfrage zur Auskunft. In den inneren Schulbetrieb mische er sich jedoch in der Regel nicht ein.

 

Auch an anderen Schulen, wie dem Burghardt-Gymnasium, haben Schüler die Möglichkeit, Kompetenz zu erlernen. In freiwilligen Ganztagsangeboten können sie sich zum Beispiel zu Streitschlichtern ausbilden lassen. Abgesehen von einem ganztägigen Sozialkompetenztraining in der fünften Klasse sind diese Angebote aber freiwillig.

Text: Konrad Bülow, FN

Mobbing
Der Begriff meint das wiederholte oder regelmäßige Schikanieren und Quälen einzelner Personen am Arbeitsplatz oder in der Schule durch körperliche oder psychische Gewalt.
Typisch sind Drohungen, soziale Isolation oder auch die Verbreitung von Gerüchten über das Mobbing-Opfer.
Bei einer Studie gaben 54,4 Prozent aller befragten Schüler an, gemobbt worden zu sein. Jungen waren dabei häufiger betroffen als Mädchen (Quelle: www.wikipedia.de)
Amokläufe an Schulen werden häufig mit vorherigem Mobbing in Zusammenhang gebracht. (kbw)
Mit Empathie zur Klassengemeinschaft
Klassenrat: Konflikte austragen
 
[22.02.2014] Die Schüler der Klasse 5b haben sich in einem Stuhlkreis zusammengesetzt. "Der Klassenrat ist eröffnet", ruft der Klassensprecher in die Runde. Dann geht es los. Zunächst sagen die Schüler der Reihe nach, was ihnen in dieser Woche am Zusammenleben in der Klassengemeinschaft gut gefallen hat. Nach dieser "positiven Runde" sprechen die Schüler die weniger angenehmen Vorkommnisse der Woche an: Konflikte und Streitereien. Einen Schüler, der öfters geärgert wurde, fragt der Klassensprecher, ob es nun besser laufe. Ihm wurden mehrere "Anwälte" zur Seite gestellt, die ihn gegen Hänseleien verteidigen sollten. Offenbar hat es funktioniert - abgesehen von einigen Bemerkungen.

 

Die Klassenlehrerin der 5b, Ines Waldherr, hält sich während des Klassenrates nach Möglichkeit zurück. Nur wenn sie merkt, dass die Diskussion nicht vorangeht, greift sie ein. Sie fordert die Schüler dazu auf, sich in andere Kinder hineinzuversetzen.

 

Hin und wieder Tränen

In den Klassen hängen zudem Listen aus, in die Schüler Positives und Negatives eintragen können. Die negativen Dinge können im Klassenrat thematisiert werden. "Wenn das alles zur Sprache kommt, löst das auch mal Betroffenheit aus. Da fließen auch mal Tränen", sagt die Klassenlehrerin der 5b. Das sei jedoch durchaus gewollt: Die Betroffenheit zeige, dass die gewünschte Empathie vorhanden sei. Im Klassenrat der 5b zeigt sich, dass das Konzept aufgeht. Die Konflikte werden ernsthaft angesprochen, eigene Fehler geben die Schüler ehrlich zu. Wenn sie sich in der Hitze der Debatte gegenseitig unterbrechen, entschuldigen sie sich beieinander. Zum Ende des Klassenrates liest ein Schüler eine Geschichte vor, die er am Vorabend verfasst hat. Darin strandet die Klasse auf einer Insel und ist auf sich gestellt. Als erstes bauen die Fünftklässler einen Tisch, an dem sie Ihre Probleme besprechen. In "Teamarbeit" schaffen sie es, aus dieser Situation heil herauszukommen. Die Geschichte kommt in der ganzen Klasse gut an. 

Text: Konrad Bülow, FN